Monatsarchiv: August 2005

I Sent Your Saddle Home (Flying Burrito Brothers)

„Ich glaube Jesper braucht ein Laufrad!“ (Zitat Inkki).
Spontan stellte ich mir Jesper also vor, wie er hamstermäßig stundenlang seine kleinen Beine wirbeln läßt ohne auch nur einen Meter voranzukommen.
„Gute Idee, damit kann er sich ja wunderbar selbst beschäftigen und wir haben den halben Tag lang unsere Ruhe.“

Zu früh gefreut. Inkki erklärte mir, dass der Zweijährige von Welt sich heutzutage mit einem solchen Laufrad fortbewegt. Dreiräder sind scheinbar nicht mehr schick genug. Okay, soll er also auch ein neumodernes Laufrad bekommen. Einige Internetrecherchen angestellt, bei eBay geschaut, sich dann aber doch für ein neues Markenprodukt entschieden und bei mytoys.de bestellt.

Nur zwei Tage später ist es auch schon angekommen. „Kettler Sprint“ nennt es sich. Flugs den Karton aufgerissen um das edle Gefährt möglichst schnell einsatzfähig zu haben. Für einen erfahrenen IKEA-Aufbauer stellt ein Laufrad keine Herausforderung da. Entgegen aller Vorurteile liefert die Firma IKEA nur vollständige Bausätze aus. Daran kann sich Kettler mal ein Beispiel nehmen, denn bei Jespers Sprinter schien doch tatsächlich der Sattel zu fehlen. Allerdings kennen wir unseren Junior ja und hielten es daher für sehr wahrscheinlich, dass er den Sattel in einem unbeobachteten Moment entwendet und an einen Ort seiner Wahl verbracht hatte. Also wurde die Wohnung auf den Kopf gestellt. Unter jedem Schrank, unter der Couch, unter dem Wickeltisch, ja selbst in der Waschmaschine haben wir nachgeguckt. Erfolglos! Der Sattel war einfach nicht dabei.
Also bei der mytoys.de-Hotline angerufen:
„Wir haben bei Ihnen ein Kettler-Laufrad bestellt, das gestern auch angekommen ist, aber jetzt halten Sie sich fest: der Sattel fehlt!“
„Na, wer hätte gedacht, dass das Kind auch sitzen will?“
Selten habe ich eine so sympathische und spontane Antwort an einer Kundenhotline erhalten. Im weiteren Verlauf des Gesprächs einigten wir uns darauf, dass es sich wohl um ein Montags-Laufrad handeln müsse und die fleissigen Hände im Kettler Warenlager den Sattel schlicht und einfach vergessen hatten. Die freundliche mytoys.de-Dame hat dann bei Kettler angerufen und wir sollen in den nächsten Tagen den Sattel bekommen.

30 Days (Run D.M.C.)

Der Abschied rückt unaufhaltsam näher. In 30 Tagen wird die Ära Schröder beendet sein.

Dass der „Economist“ die begonnenen Reformen als großen Wurf bezeichnet, die deutsche Wirtschaft vor einem deutlichen Aufschwung sieht und eindringlich vor der Merkel-Mehwertsteuererhöhung warnt, wird das „Trinkhallen-Establishment“ eh nicht registrieren.
Wie war das noch mit dem Stoiber-Spruch von den dummen Kälbern und den Metzgern?

Wer hätte sich vor sieben Jahren vorstellen können, dass die CDU von einer unverheirateten Protestantin aus dem Osten und die F.D.P. von einem Schwulen geführt wird?
Da sage noch einer „Rot-Grün“ hätte nichts bewirkt!

Pilgrim (Uriah Heep)

Nun sind sie eingetroffen, unsere Weltjugendtagsgäste. Es sind Daniela und Mihail aus Rumänien. So richtig viel bekommt aber gar nicht von ihnen mit. Sie sind um sieben Uhr morgens aus dem Haus gegangen und werden wohl erst am Abend wieder zurück sein. So ein Pilgerleben ist scheinbar ganz schön anstrengend, aber die Pilger in den letzten Jahrhunderten hatten es mit Sicherheit auch nicht leichter.

Überall in der Stadt sieht man junge Leute mit ihren hellblauen WJT-Rucksäcken. Zum Glück singen sie nicht ständig, wie ich es befürchtet hatte. Ursprünglich wollte ich für unsere Gäste noch ein Schild aufhängen:

No open fire!
No guitar-playing!
Daily hair-wash obligatory!


Inkki meinte aber, das könnte man irgendwie nicht machen. Kann sein.

Was mich ein wenig irritiert sind die zahlreichen Länderfahnen die viele Pilger mit sich rumschleppen. Auch Mihail hatte eine große rumänische Flagge an seinem Rucksack hängen.
Ich dachte ja eigentlich es handele sich beim Weltjugendtag um eine völkerverbindende Veranstaltung bei der es keine Rolle spielt woher man kommt. Stichwort: „Wir sind wie eine große Familie“ (Fiese Plattitüde). Nationales Denken ist wohl doch schwerer zu überwinden als die jungen Leute selber glauben.

Hier noch mein inoffizieller WJT-Gag:

Nonne: Herr Pfarrer, bitte küssen Sie mich!
Pfarrer: Aber ich bitte Sie, streng genommen dürfte ich noch nicht mal nackt auf Ihnen liegen.

Hoffentlich komme ich jetzt trotzdem noch in den Himmel!

Gas-Panic! (Oasis)

Samstagnachmittag, Feierabend nach der Frühschicht. Auf dem Heimweg hat mich ein fürchterlicher Platzregen überrascht und ich bin nass wie Hassan. Also frische Klamotten angezogen und die Beine hochgelegt. Man will nur ein bisschen seine Ruhe haben und dann das!

Es regnet schon wieder unglaubliche Wassermengen vom Himmel und auf einmal fällt der Strom aus. Wird wohl an dieser Sintflut liegen. Hoffentlich ist bis zur Sportschau alles wieder okay. Ein beiläufiger Blick aus dem Fenster. Nanu? Blaulicht hier, Blaulicht da und dazwischen Wagen des Störungsdienstes der Stadtwerke mit der wenig vertrauenerweckenden Aufschrift: Wasser, Strom, GAS (!). Wenig später werden die Bewohner des Nachbarhauses Nummer 15 per Megaphon aufgefordert wegen Explosionsgefahr ihre Wohnungen zu räumen. Irgendwie leicht beunruhigend. Besonders wenn man sich ausmalt wie denn wohl Nummer 17 aussieht nachdem Nummer 15 in die Luft geflogen ist. Dass eine Gasexplosion üblicherweise nicht an Hausgrenzen halt macht ist dann wohl auch den Feuerwehrleuten eingefallen, denn kurze Zeit später rummst es fürchterlich an unserer Tür und ein drahtiger „Red-Adair-Typ“ fordert uns auf das Haus zu verlassen:

„Wir stellen Ihnen einen Bus bereit, da können Sie sich dann solange aufhalten.“
„Sehr freundlich, aber wir wollten eh noch zu Penny einkaufen gehen. Dann machen wir das halt jetzt.“
„Oder so!“

Wir hatten bisher eigentlich den Eindruck, unsere neue Nachbarschaft wäre intellektuell durchaus auf der Höhe. Nachdem wir dann aber sehen mussten wie ein grobschlächtiger Typ aus Nummer 14 unheimlich gelassen an seiner Zigarette(!) nuckelte, ist dieser Eindruck nachhaltig getrübt.

Auf dem Weg zu Penny (Angebot der Woche: Cocktail-Tomaten für 29 Cent!) überfällt uns der nächste Platzregen. Wenn jetzt auch noch unser Haus explodiert habe ich noch nicht mal trockene Klamotten zum Wechseln. Nach erledigtem Einkauf gucken wir mal wieder vorsichtig um die Ecke der Benzenbergstrasse. Geknallt hatte es bisher nicht und tatsächlich, es stehen noch alle Häuser! Nach weiteren ca. 15 Minuten werden die Löschzüge, Rettungswagen und sonstigen Notfallfahrzeuge wieder abfahrbereit gemacht und die Strassensperrung wird aufgehoben. Der Spuk ist vorbei und wir können wieder in unsere Wohnung.

Mit Gas ist nicht zu spaßen. Ich kann mich noch gut daran erinnern wie es aussah als vor ungefähr 20 Jahren mal ein Haus an der Johannstrasse in die Luft geflogen ist. Der Ausstieg aus der Atomenergie ist (zum Glück) beschlossene Sache, aber wir beheizen unsere Häuser mit hochexplosiven Stoffen. Kann ich irgendwie nicht begreifen.

Hier gibt’s die passenden Presseberichte:

NRZ
Rheinische Post
Westdeutsche Zeitung

Ihr Kinderlein kommet…

In weniger als zwei Wochen startet der Weltjugendtag und dann wird auch bei uns für sechs Tage „Haus der offenen Tür“ sein. Jespers Zimmer wird leer geräumt und da können sich dann zwei Schlafsack-Pilger breit machen. Nun sind wir natürlich gespannt wo unsere Gäste denn herkommen werden. Wie man hört herrscht bei der Organisation in Köln wohl mehr oder weniger Chaos und die Gastzuteilung wird erst auf den letzten Drücker erfolgen.

Nun bin ich aber bei einer Internetrecherche auf einen ersten Hinweis gestoßen. Im Gästebuch der HP des Organisationsteams unserer Gemeinde stieß ich auf folgenden Eintrag:

Liebes Kernteam von St. Peter,
ich bin als Jugendreferentin die Reiseleiterin einer Gruppe von 100 Jugendlichen aus Süddeutschland, Kolumbien und Rumänien, die übernächste Woche beim WJT bei euch in eurer Gemeinde zu Gast sein werden.
[…] Jugendreferentin der Gruppe aus Nürtingen
P-D-009814-0 und P-D-010149-6″Hmmmh, Süddeutschland hört sich ja nicht so aufregend an. Immerhin ist Nürtingen die Heimatstadt von Harald Schmidt. Rumänien ist schon etwas interessanter und Kolumbien wäre ja richtig spannend. Aber okay, soll ruhig kommen wer will…obwohl, Nürtingen? Dieser Dialekt ist eigentlich völlig unerträglich.